»Wo ist Elena Ferrante?« – Fotograf Ottavio Sellitti im Interview

Im Rahmen der Ausstellung »Wo ist Elena Ferrante?« im Italienischen Kulturinstitut Berlin waren bis zum 10. November 2017 Fotografien des italienischen Literaturwissenschaftlers und Künstlers Ottavio Sellitti zu sehen. Wir haben mit ihm über seine Fotoreportage, seine Heimat Neapel und die Romane von Elena Ferrante gesprochen.

 

Wann und bei welcher Gelegenheit sind Sie zum ersten Mal in Kontakt mit Elena Ferrantes Romanen gekommen?

Ich habe Italien im Jahr 2011 verlassen und bin für sechs Jahre nach Aix-en-Provence gezogen. Daher habe ich mit einer gewissen Verzögerung von Ferrantes Romanen erfahren. Als ich das erste Mal von der Tetralogie gehört habe, war sie schon sehr berühmt und erfolgreich. Das hat bei mir, wie es oft bei Bestsellern der Fall ist, ein gewisses Misstrauen ausgelöst. Nachdem zunächst meine Mutter, später dann auch eine Kollegin von den Büchern berichtet hatten, habe ich die Neapel-Romane zum ersten Mal bewusst beachtet. Ich erinnere mich, dass ich die erste Seite von Meine geniale Freundin aufgeschlagen habe, um die Bedeutung einer Äußerung meiner Mutter zu verstehen. Sie hatte erzählt, dass meine Oma den Sohn des Besitzers der Salumeria geheiratet hatte.
Meine Großeltern besaßen tatsächlich ein Bar-Salumeria im Rione Luzzatti am Stadtrand von Neapel. Die Salumeria war ein fester Bestandteil in den Erzählungen meiner Großmutter und meines Vaters. Durch die viele Zeit und Arbeit, die sie in das Geschäft investierten, wurden sie in der Nachkriegszeit relativ wohlhabend. Schließlich mussten sie die Salumeria aus gesundheitlichen Gründen verkaufen.
Man kann sagen, dass die Lektüre der Tetralogie für mich, zumindest am Anfang, eine Suche nach meiner persönlichen Geschichte war – noch bevor ich die enorme Komplexität und den Wert dieser vier Bücher verstanden hatte, die mir auf den ersten Blick so harmlos schienen.

 

Welcher Band der Neapolitanischen Saga gefällt Ihnen am besten?

Wenn ich einen Band auswählen müsste, wäre es der dritte – obwohl es mir schwerfällt, die Saga in ihren Einzelteilen zu betrachten. Meiner Meinung nach ist es die extreme stilistische und inhaltliche Kohärenz, die die verschiedenen Bände zusammenhält und die eine der Stärken der Neapolitanischen Saga ist. Ich bin überzeugt, dass jeder Band für das Funktionieren der anderen drei Bücher notwendig ist.
Ein zentrales Thema der Neapolitanischen Saga ist die Bildungsgeschichte von Elena Greco von der Grundschule bis zu ihrer Tätigkeit als Journalistin und Schriftstellerin. Die Erzählerin scheint uns die Entwicklung ihres Schreibstils zu zeigen, um ihn dadurch gleichzeitig selbstkritisch zu analysieren und zu definieren. In dieser Hinsicht ist Die Geschichte der getrennten Wege der Roman, der am interessantesten wirkt: Der Leser wohnt allen Kunstgriffen, Zweifeln und Täuschungen bei, die ihre literarische Karriere bestimmen. Selten wird so offen über die Schattenseite eines literarischen Werks gesprochen. Einer der schönsten Momente in meiner Erfahrung mit der Neapolitanischen Saga war, als ich bemerkt habe, dass ich dieselben Mängel, die Elena Ferrante der Schriftstellerin Elena Greco zuschreibt, im Buch wiederfinden konnte.

 


© Ottavio Sellitti

 

Sie sind in Neapel geboren und aufgewachsen. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Fotoserie?

Ich bin im Rione Luzzatti geboren, aufgewachsen bin ich aber in der Nähe von Sorrento auf dem Land, weil meine Eltern den Rione verlassen haben, als ich fünf Jahre alt war. Ich bin dann zurück nach Neapel gezogen, um mein Studium zu beginnen und habe vier Jahre lang bei meiner Oma gewohnt, die immer noch im Rione lebt. Für mich hat das bedeutet, dass ich mich immer als Außenseiter gefühlt habe: Während ich in Sorrento war, war ich der Neapolitaner, als ich dann in Neapel war, war ich der Sorrentiner.
Diese Diskrepanz stellte sich auch wieder ein, als ich in den Rione zurückgekehrt bin, um ihn zu fotografieren. Während ich durch die Straßen lief, merkte ich, dass ich nicht wirklich Teil dieser Nachbarschaft war. Ich kannte den Alltag und seine Probleme nicht und war nicht jeden Tag meines Lebens an diesem Ort aufgewacht, zwischen dem Vesuv auf der einen Seite und dem Centro Direzionale auf der anderen. Das paradoxe Gefühl, am Stadtrand zu leben, der aber in unmittelbarer Nähe zum Zentrum der drittgrößten italienischen Stadt liegt, ist mir unbekannt. Ich war und bin in diesem Viertel immer noch ein Fremder. Das Bewusstsein dafür hat mich dazu gebracht, die Legitimität meines Projekts in Frage zu stellen.
Die Dynamik von Zugehörigkeit und Fremdheit zum Rione ist auch ein wichtiges Element der Neapolitanischen Saga. Elena hat oft das Gefühl, dass Lila (aber auch ihre Freunde und ihre Familie) ihr vorwerfen, dass sie den Rione verlassen hat und sie damit die Berechtigung verloren habe, als Bewohnerin über das dortige Leben zu sprechen – aus dem einfachen Grund, dass sie den Alltag nicht mehr kennt.
Die Zweifel an meinem Fotoprojekt konnte ich ausräumen, als ich meine persönliche Distanz zum Rione akzeptiert und sie vielmehr in eine der Stärken meiner Arbeit verwandelt habe. Beim Fotografieren habe ich versucht einen fernen Standpunkt zu verwenden, der meinen eigenen Abstand zu den Orten verdeutlicht. Ich möchte den Rione so darstellen, wie er auf einen Ferrante-Leser wirken könnte, der zum ersten Mal Neapel besucht. Wer in meinen Bildern einen persönlichen Zugang zum Rione oder zu intimen Geschichten seiner Bewohner sucht, wird enttäuscht werden. Meine Fotografien nehmen den Blick eines Touristen ein, der durch die Straßen des Rione läuft. Wenn man dann die Gegend wieder verlässt, hat man zwar vielleicht das Gefühl, die Geschichten der Figuren verstanden zu haben, ist gleichzeitig aber enttäuscht, weil man nicht Teil dieser Gemeinschaft werden kann. Es ist genau dasselbe Gefühl, das man empfindet, wenn man den letzten Band der Tetralogie schließt und ihn neben die anderen in das Bücherregal stellt.

 

Bilden Ihre Fotos konkrete Handlungsorte aus der Neapolitanischen Saga ab?

Die Romane von Elena Ferrante spielen nicht an konkret zuordenbaren Orten: Der Rione von Elena und Lila hat keinen Namen, genauso wenig wie seine Straßen. Trotz einiger Ungereimtheiten lassen viele Anzeichen – vor allem seine Lage innerhalb der Stadt, seine Nähe zur Bahntrasse, die drei schwarzen Tunnel, die Teiche, verlassene Fabriken und neue Gebäude aus den 1960er Jahren – den Eindruck entstehen, dass Ferrante den Rione Luzzatti im Sinn hatte, als sie die Romane schrieb. Es ist aber unmöglich, jedem fiktiven Ort, der in den Romanen auftaucht, einen entsprechenden Ort in der Realität zuzuordnen.
Viel interessanter finde ich, wie authentisch die Autorin die Atmosphäre des Rione abbildet. Es handelt sich um dieselbe Stimmung, die man – wenn man danach sucht – auch in Randbezirken anderer Städte finden kann, die genauso wie der Rione den euphorischen Fortschritt der Nachkriegszeit und die darauffolgende Ernüchterung erlebt haben. Das ist die Atmosphäre, die ich meinerseits einzufangen und darzustellen versucht habe.

 


© Ottavio Sellitti

 

Warum haben Sie sich für Schwarz-Weiß-Fotos entschieden? Ist das ein Versuch, die Gegenwart zu historisieren?

Im Gegenteil! Einer der Gründe, warum meine Aufnahmen schwarz-weiß sind, ist, dass ich sie nicht historisieren und lokalisieren möchte. Es sind ja oft gerade die Farben, die die Einordnung einer Aufnahme in Ort und Zeit ermöglichen und die dem Zuschauer viele Hinweise geben. Für meine Arbeit war es hingegen notwendig, genau diese Eigenheiten  zu vermeiden, um zu betonen, dass das Viertel, das man in den Aufnahmen sieht, genauso in anderen Städten wiedergefunden werden kann. Zudem habe ich größere Interpretations- und Darstellungsmöglichkeiten der Realität, wenn ich mit Schwarz-Weiß-Bildern arbeite. Es geht dann nicht mehr darum, diese oder jene Farbe auf Papier zu bringen, sondern um die genaue Dosierung von Schwarz- und Weißtönen – und dem Grau, das zwischen diesen beiden Extremen liegt. Die Fotografien in Neapel habe ich zum Beispiel im Juli aufgenommen, um durch das Licht möglichst hohe Kontraste zu erhalten: Die Gewalt des Lichts, die daraus entsteht, steht metaphorisch für die Gewalt, die auch Ferrantes Romane durchströmt.

 

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