Das große Interview mit Elena Ferrante

Elena Ferrante zieht es bekanntlich vor, im Hintergrund zu bleiben: Sie lässt ihre Bücher für sich sprechen. Umso schöner ist es, dass sie zum Erscheinen ihres neuen Romans, Das lügenhafte Leben der Erwachsenen, eines ihrer seltenen Interviews gegeben hat. Internationale Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Buchhändlerinnen und Buchhändler haben der Autorin ihre Fragen gestellt – und Ferrante hat sie ausführlich beantwortet. Das Börsenblatt hat bereits eine Auswahl der Fragen und Antworten veröffentlicht. Bei uns gibt es nun den verbleibenden Teil des Interviews, das Karin Krieger ins Deutsche übersetzt hat.

Kiraly Kinga Júlia, Übersetzerin für Parks Publishing, Ungarn:
In Ihren bisherigen Romanen ziehen sich die Legitimierung der Interessen einer Frau und deren Emanzipation über wenigstens einige Jahrzehnte hin, wenn nicht über ein ganzes Leben. In Ihrem neuen Roman dagegen gelingt es Giovanna, Anpassung und Routine in einer wunderbar kurzen Zeit zu überwinden. Ist das ein Sonderfall oder ein Generationenwechsel? Anders gefragt: Haben die fruchtbaren Bestrebungen und die Anstrengungen unserer Mütter zu unserem Empowerment beigetragen?

Elena Ferrante: Giovanna ist weit entfernt von Lila und Lenù. Sie hat eine gute weltliche, basisdemokratische Erziehung genossen. Ihre Eltern, beide Lehrer, erwarten, dass ihre Tochter eine hochgebildete, angesehene Frau wird, frei und unabhängig. Aber eine kleine Begebenheit blockiert den für das Mädchen vorgesehenen Mechanismus, und sie beginnt sich als verdorbene Frucht einer verlogenen Umgebung wahrzunehmen. Sie beginnt verzweifelt, ihre Erziehung von sich abzutrennen, als wollte sie sich auf die bloße Wahrheit ihres lebendigen Leibes reduzieren. Auch Lenù und Lila versuchen, den Rione, ihr Viertel, abzuschütteln, doch während sie sich die Instrumente erst mühsam schaffen müssen, mit denen sie sich aus der realen und figurativen Misere befreien können, findet Giovanna diese Instrumente zu Hause schon fertig vor und setzt sie gegen ebendie Welt ein, die sie ihr geliefert hat. Ihre Auflehnung verfügt bereits über die nötigen Mittel und ist daher schnell und zielstrebig. Doch das eigene »Ich« durcheinanderzubringen, ist ein gefährliches Unterfangen. Man ändert seine Form nicht, um eine andere, anscheinend wahrhaftigere anzunehmen, ohne dass man Gefahr läuft, sich nicht mehr wiederzufinden.

 

Jiwoo Kim, Übersetzerin für Hanglisa Publishing, Korea:
Verglichen mit den Frauenfiguren wirken die »Ferrante-Männer« eher schlicht oder farblos. Gibt es eine männliche Figur, die für Sie positiver ist als die anderen oder die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Elena Ferrante: Enzo. Mir gefallen Männer, die ihre Kraft darauf verwenden, dir im Leben unauffällig zu helfen. Mir gefallen die, die das ohne viele Worte tun, ohne Süßholzraspelei und ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Ich denke, Frauen wirklich zu verstehen, ist die größte Aufgabe für die männliche Intelligenz und Liebesfähigkeit. Eine seltene Gabe. Ich rede hier nicht von den ungehobelten, brutalen Männern, deren letzte Inkarnation die vulgären Aggressoren in den sozialen Netzwerken oder im Fernsehen sind. Mir erscheint es sinnvoller, über die gebildeten zu sprechen, über die Arbeits- und Studienkollegen. Die meisten von ihnen behandeln uns noch immer wie niedliche Kuscheltiere, denen man nur Beachtung schenkt, um ein bisschen mit ihnen zu spielen. Eine Minderheit von ihnen hat eine oberflächliche Formelsammlung für »Frauenversteher« gelernt, mit der sie dir erklären, wie du gerettet werden kannst, aber sobald du klarstellst, dass du dich allein retten willst, bröckelt die kultivierte Fassade, und zum Vorschein kommt das alte, unerträgliche Männlein. Nein, wie man es auch dreht und wendet, unsere männlichen Erzieher müssen umerzogen werden. Derzeit vertraue ich nur auf Enzo, Lilas geduldigen Gefährten. Natürlich kann es passieren, dass auch diese Sorte Mann irgendwann müde wird und weggeht, aber er hinterlässt wenigstens eine angenehme Erinnerung.


Die Via San Giacomo dei Capri in Neapel. Foto: Eduardo Castaldo

Ana Badurina, Übersetzerin für Profil, Kroatien:
In allen Ihren Romanen sind die Beziehungen zwischen Frauen und Männern sehr instabil und meistens unglücklich, während die wirklich prägenden Erfahrungen in verschiedener Hinsicht unter Frauen gemacht werden. Würde Sie als Autorin oder als Leserin eine Erzählung interessieren, in der eine relativ »glückliche« Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau möglich wäre? Oder halten Sie eine solche Geschichte für literarisch kaum glaubhaft?

Elena Ferrante: Was sich in der Literatur als nicht glaubhaft erweist, ist oft das Produkt von Erbauungsliteratur. Ich gehöre nicht zu denen, die meinen, das Glück beginnt, wenn die Geschichte zu Ende ist (ich denke da an die Formel: »Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende«). Natürlich kann man über ein glückliches Paar schreiben, ich habe viele kennengelernt. Einmal habe ich sogar eine Geschichte heruntergeschrieben, in der eine todunglückliche Frau beschloss, Ermittlungen über das glückliche Eheleben ihrer alten Eltern anzustellen, genau wie in einem Krimi. Ich will Sie hier nicht mit der Handlung der Geschichte langweilen. Nur so viel: Sie, liebe Ana, haben meine ganze Geschichte wunderbar mit der Formulierung »eine relativ ›glückliche‹ Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau« zusammengefasst. Meiner Ansicht nach ist Glück nämlich nur dann erzählbar, wenn dieses »Relativ« ausgestaltet wird und wenn die Gründe für die Anführungszeichen geschildert werden, in die Sie das Wort »glücklich« gesetzt haben.

 

Dina Borge, Buchhändlerin, Norli Nye Sandvika, Norwegen:
Was hat Sie veranlasst, Das lügenhafte Leben der Erwachsenen zu schreiben? Denken Sie, dass Erwachsene hinsichtlich des eigenen Lebens gewohnheitsmäßig lügen? Dass sie andere belügen, ihre Kinder und auch sich selbst?

Elena Ferrante: Als Kind habe ich viel gelogen und wurde für meine Lügen häufig bestraft. Mit etwa 14 Jahren beschloss ich nach vielen Blamagen, erwachsen zu werden und nicht mehr zu lügen. Aber nach und nach entdeckte ich, dass, während meine kindlichen Lügen nur Phantasieübungen waren, die Erwachsenen, die sich so sehr gegen das Lügen wandten, sich und andere mit der größten Selbstverständlichkeit belogen, ganz als wäre die Lüge das grundlegende Mittel, um sich eine Festigkeit zu geben, um sich eine Bedeutung zuzusprechen, um dem Vergleich mit dem Nächsten standhalten zu können und um vor den eigenen Kindern als gutes Beispiel dazustehen. Etwas von dieser Teenager-Wahrnehmung steckt in Giovannas Geschichte.

 

Demetra Dotsi, Übersetzerin für Patakis, Griechenland:
»Smarginatura« ist eines der Schlüsselwörter in Meine geniale Freundin, also Lilas »Gefühl, für den Bruchteil einer Sekunde in einen anderen Menschen oder in ein Ding oder in eine Zahl oder in eine Silbe überzugehen und dabei deren Konturen zu verletzen«, um hier Ihre Worte zu zitieren. Könnte man sagen, dass auch Giovanna eine Art smarginatura, eine Auflösung, erfährt, vielleicht sogar eine dauerhafte, als der fadenscheinige Schleier ihrer perfekten Familie gelüftet wird und sie sich in ein neues Bild ihrer selbst verwandelt?

Elena Ferrante: Ja, jetzt, da ich Ihnen antworte, kommt es mir so vor. Aber man darf nicht vergessen, dass es bei Lila eine körperliche Reaktion war, gewissermaßen eine Krankheit. Mit smarginatura bezeichnet sie ein Erdbeben, dessen Epizentrum eine plötzliche Störung der fünf Sinne ist. Giovanna scheint mir mehr mit Elena gemein zu haben, die sich beim Schreiben das von Lila verwendete Wort zu eigen macht und dessen metaphorischen Sinn herausstreicht. Bei ihr wird die smarginatura zu einem Kraftakt, zu einem Hinausgehen über ihr Viertel, eine Überschreitung von Grenzen, einem Anderswerden und noch einmal anders, einem schmerzhaften, doch auch stolzen Zerreißen von Schleiern. Lila wird von ihren Symptomen überwältigt, sie sind so heftig, dass sie krank wird. Elena und Giovanna lösen sich in der Metapher auf, und Metaphern tun nicht ganz so weh.

 

Chen Ying, Übersetzerin für Shanghai99, China:
Neapel ist eine irritierende Stadt, im Guten wie im Schlechten, und spielt immer die Hauptrolle in Ihren Romanen. In Das lügenhafte Leben der Erwachsenen zerfällt die Stadt in zwei Welten, rione alto und rione basso, in die obere und die untere Stadt. Haben Sie in Ihrem neuen Roman versucht, diese beiden Mikrokosmen zu verbinden?

Elena Ferrante: Der Gegensatz Oben-Unten hat mich schon immer fasziniert. Etwas vereinfacht lässt sich sagen, dass ich meine Geschichten fast immer um Wörter wie hinauf- und hinuntergehen, fallen und wiederaufsteigen baue. Wie Sie bemerkt haben, ist der Zusammenhang Oben-Unten in meinem neuesten Buch ein zentrales Thema. Die Ortsnamen der Stadt haben mich darauf gebracht, in diese Richtung zu gehen. In Neapel gibt es tatsächlich eine höhergelegene Gegend, die Rione Alto genannt wird. Um dorthin zu gelangen, muss man eine schmale Straße namens San Giacomo dei Capri hinauf. Ich fand es interessant, Giovannas Vater Andrea, der bestrebt ist, seine »niedere« Herkunft auch mit dieser Adresse auszulöschen, mit seiner Familie in diesem Rione wohnen zu lassen. Seine Tochter Giovanna erkennt im Laufe ihrer jugendlichen Rebellion die Künstlichkeit der Grenzen, die ihr Vater hatte ziehen wollen. Das Mädchen verstößt gegen die väterliche Ordnung, zieht das Oben nach unten und das Unten nach oben und macht aus sich selbst den Ort der jähen Vermischung gegensätzlicher Elemente, den Raum der Vermengung von schön und hässlich, neu und alt, Feinheit und Grobheit und verhöhnt so den Drang, sich abzuheben, des kulturell aufgestiegenen Vaters.

 

Margarida Periquito, Übersetzerin für Relogio d’Agua, Portugal:
Ich wüsste gern, ob in Andreas Satz, der Giovanna in Das lügenhafte Leben der Erwachsenen so verstört, Emma Bovarys Gedanken über ihre Tochter anklingen (… comme cette enfant est laide!), ein Urteil, das Sie, wie man in Frantumaglia lesen kann, in einem eigenen Text verwenden wollten, um sein Gewicht zu spüren und zu verstehen, ob es ein weiblicher Satz sein kann.

Elena Ferrante: Ja, aber es handelt sich nicht nur um eine literarische Anleihe. Als junges Mädchen hatte ich lange das Gefühl, dass sich dieser Satz von Emma auf mich beziehen könnte. Ich dachte: Wäre es nicht furchtbar, wenn nicht nur mein Äußeres, sondern auch mein Charakter ausgerechnet meinen Eltern nicht gefällt? Giovanna ist, zumindest ein wenig, aus dem Unbehagen über diese Textstelle verbunden mit meiner Angst hervorgegangen. Was nun die Glaubwürdigkeit dieses Satzes betrifft – comme cette enfant est laide! –, aus dem Mund einer Mutter, selbst einer so frivolen wie Emma, habe ich, nein, das Problem noch nicht gelöst. In meinem Buch habe ich diesen Satz einem Vater zugeschrieben, aber Giovannas Mutter begehrt nicht auf, sie widerspricht ihrem Mann nicht.

 

Anna Jampol’skaja, Übersetzerin für Corpus, Russland:
Neapel spielt eine Hauptrolle in Ihren Büchern, auch in dem Roman Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Welche Bedeutung haben diese Stadt und ihre Landschaften, ihre Einwohner und ihre Sprache für Sie? Und was die Sprache betrifft: Haben Sie je erwogen, es Andrea Camilleri gleichzutun, dessen Romane häufig auf Sizilien spielen, und eine spezielle Sprache zu erfinden, in der sich die italienische Literatursprache mit dem neapolitanischen Dialekt mischt?

Elena Ferrante: Neapel ist eine komplexe Stadt und lässt sich nicht auf eine literarische oder soziologische Formel reduzieren. Sie ist meine Heimatstadt, die Stadt meiner Vorfahren. In ihr enthalten sind in einer langen Abfolge meine Erfahrungen und die vieler anderer Menschen, die ich mit ihren Stimmen in meinem Gedächtnis bewahre. Apropos Stimmen. Neapel ist ohne die Klangfülle seines Dialekts undenkbar. Der Dialekt zieht sich durch alle sozialen Schichten der Stadt. Ich kannte wohlhabende, hochgebildete Leute, die mehrere Sprachen beherrschten und trotzdem bei jeder Gelegenheit das Neapolitanische benutzten, mit seinen pöbelhaften Seiten ebenso wie in seiner erlesensten literarischen Ausführung. Aber mein Verhältnis zum Dialekt war nie gut, weder in seiner härtesten noch in seiner liebenswertesten Form. Dafür gibt es viele Gründe, von denen ich hier nur einen nennen möchte, der aber alle anderen enthält. Doch zunächst möchte ich kurz auf eine frühere Unpässlichkeit von mir eingehen. Manchmal, wenn ich für die Schule Textstellen aus dem Lateinischen oder dem Griechischen ins Italienische übersetzen musste oder wenn ich an die hundert Verse aus dem Italienischen des 16. Jahrhunderts ins, sagen wir, moderne Italienisch übertragen sollte und ich unter Zeitdruck stand, weil ich zu viele Hausaufgaben erledigen musste und der Nachmittag dafür nicht ausreichte, hatte ich besonders als junges Mädchen einen Aussetzer: Ich hörte die Sprachen wie einen Fluss von Stimmen, die sich überlagernd durch die Zeit reisten, eine Art Theater in meinem Kopf, wo Tote und Lebende alle mit einem Getöse durcheinanderredeten, das mich zermürbte. Diese Halluzination ist verschwunden, doch nicht in Bezug auf das Neapolitanische. Dort besteht sie weiter und dies auf eine Art, die weit über die Sinnestäuschung aus meiner Jugend hinausgeht. Das Neapolitanische hat für mich eine so große Klangkraft, ist emotional so verheerend aufgeladen, dass ich es ihm nicht antun möchte, es ins Alphabet einzusperren wie einen Tiger in einen Käfig. Beim Schreiben behalte ich es im Auge, halte es in Schach, verwende es nicht ohne Bedenken. Und ich tue es stets unter Ausschluss seines ironisch-pathetisch-sentimental-gutmütigen Tonfalls. Ich entscheide mich lieber für den aggressiven, sarkastischen Ton, eine Bedrohung für die Frauen, über die ich schreibe.


Ein Stadthaus in Neapel, wie es auch in den Romanen Ferrantes vorkommen könnte. Foto: Eduardo Castaldo

Muauia Al-abdulmagid, Übersetzer für Dar al Adab, Libanon:
1. Im vierten Band von Meine geniale Freundin verweisen Sie auf die Universalität der menschlichen Gewalt und geben dem Leser Anhaltspunkte, die die arabische Welt und die islamische Kultur betreffen: Dedes Mann hat iranische Wurzeln, ihr Sohn heißt Hamid etc. Können wir also mit einem Roman von Elena Ferrante rechnen, der sich auf den aktuellen Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen konzentriert und zeitgenössische politische Themen wie Rassismus, Terrorismus, Zuwanderung und Islamfeindlichkeit in den Mittelpunkt rückt?
2. Sie weisen kurz auf ein Ereignis der jüngeren Geschichte hin, das wie kaum ein anderes im Bewusstsein der Menschen präsent ist: der 11. September 2001. Sehen Sie in ihm vielleicht ein konkretes Beispiel für die »smarginatura«, eine Auflösung der Konturen? Gibt es vielleicht einen sinnbildlichen Zusammenhang zwischen dem Einsturz der Twin Towers und dem Erdbeben, das Neapel heimsucht und Lila in panische Angst versetzt, so dass sie sieht, wie sich die Menschen »auflösen«? Ist die »smarginatura« demnach eine Metapher für eine gewaltsame Metamorphose?

Elena Ferrante: Ich komme gern auf das Wort »smarginatura« zurück. Ja, sie hat mit Gewalt zu tun, doch insofern, als sie die Auswirkungen einer Kraft außer Kontrolle zusammenfasst, die die Konturen von Menschen und Dingen zerstört. Die unnatürlichen Umrandungen, in die wir uns eingeschlossen haben und in die wir andere einschließen, werden schlagartig trügerisch und brüchig, und so vollzieht sich vor Lilas Augen das entsetzliche Schauspiel von Zerstörung und Selbstzerstörung. Und auch wenn sich die Bedeutung des Wortes im Lauf der Erzählung verschiebt, es eine Metapher für das Heranwachsen wird, für die Enthüllung von Wahrheit etc., bleibt es doch stets verbunden mit der Vorstellung von Brüchen, Rissen, Explosionen. Unser gemeinschaftliches Leben ist voller brisanter Aktionen, es entkommt der Gewalt nicht, auch nicht in den rhetorischen Mitteln. Darüber habe ich schon viel geschrieben. Und um Ihre erste Frage zu beantworten: Es ist derzeit wohl unwahrscheinlich, dass ich über Terrorismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit schreibe. Am Ende von Meine geniale Freundin wollte ich einfach zeigen, wie sehr sich Elenas Horizont durch ihre Töchter, die Ehemänner, die Enkel erweitert hat, die nicht mehr nur im Rione eingebettet sind, sondern in den größeren, sehr gefährlichen Rahmen der ganzen Welt. Aber ich betone auch weiterhin bei jeder Gelegenheit, wie sehr ich Gewalt verabscheue, besonders Gewalt gegen die Schwächsten, doch auch die Gewalt von Schwachen gegen andere Schwache und sogar die Gewalt, die durch die Untragbarkeit jeder Form von Unterdrückung gerechtfertigt wird. Der Mensch ist ein wildes Tier, das versucht hat, sich mit Religionen zu zähmen, mit warnenden Beispielen seiner schrecklichen Geschichte, mit Philosophie, mit Naturwissenschaften, mit Literatur, mit der riskanten Verbindung von Güte und Schönheit, mit der durch und durch männlichen Regulierung von Konflikten, vom Duell bis zum Krieg. Aber bis heute ist das Resultat eine weit verbreitete Form der Heuchelei: So sieht der Krieg, zum Beispiel, die Bestrafung bestimmter Verbrechen vor, die als Kriegsverbrechen definiert sind, als wäre der Krieg nicht an sich schon, seinem Wesen nach, ein schreckliches Verbrechen; die Menschenrechte, die eigentlich friedlich gestärkt werden sollten, sind ein ständiges Schlachtfeld, sie werden fortwährend verletzt oder verteidigt; der Staat besitzt das Gewaltmonopol, aber erstens trifft das nicht zu, und zweitens ist es nur allzu offensichtlich, dass dieses Monopol missbraucht wird: Weltweit wissen große Teile der Bevölkerung, dass sie vor allem die staatlichen Ordnungskräfte fürchten müssen, sogar dort, wo die demokratischen Traditionen stark sind. Auch uns Frauen ist es nicht fremd, Gewalt auszuüben, das sei hier ausdrücklich betont. Allerdings sind wir seit jeher dermaßen der männlichen Gewalt ausgesetzt und wurden wir dermaßen von den Methoden ausgeschlossen, mit denen Männer diese Gewalt ausübten, dass vielleicht nur wir heute einen nicht gewaltsamen Weg finden können, um Gewalt für immer zu verbannen. Zumindest wenn wir nicht Emanzipation mit Kooptierung verwechseln und uns am Ende nicht auch auf diesem Gebiet der männlichen Tradition der Aggression, der Vernichtung und der Verwüstung ergeben, indem wir uns zugleich ihre gelehrten Rechtfertigungen und ihre spießbürgerlichen Vorschriften zu eigen machen.

 

Suomalainen Kirjakauppa, Buchhandlung, Finnland:
Wie kamen Lila und Lenù zu Ihnen? Warum wollten Sie gerade ihre Geschichte erzählen? Möchten Sie, dass Ihre Leser etwas Bestimmtes über Sie erfahren? Und inwieweit ist es etwas anderes, in Neapel zu leben als, zum Beispiel, in Rom? Was macht Neapel so einzigartig?

Elena Ferrante: Lenù und Lila sind Phantome wie alle Figuren, die die Literatur bevölkern. Anfangs erscheinen sie in kurzen, flüchtigen Besuchen, ähneln ein wenig den Menschen, die wir lange nicht gesehen haben oder die gestorben sind. Wir halten sie mit ein paar Sätzen fest, sperren sie in ein Notizheft, und nach einer Weile lesen wir uns das erneut durch. Wenn die Sätze Kraft haben, kehren die Phantome wieder, wir fangen sie mit weiteren Wörtern ein. Und immer so weiter: Je stärker die Kette der Wörter wird, umso mehr werden die bleichen Erscheinungen zu Gestalten aus Fleisch und Blut, sie gewinnen klare Konturen, ziehen Häuser nach sich, Straßen, Landschaften, Neapel, eine Handlung, in der sich alles bewegt und Wärme hat, und es sieht so aus, als könntest nur du diesen undeutlichen Gestalten eine Deutlichkeit geben und sogar den Anschein wahren Lebens. Aber es geht nicht immer gut, im Gegenteil, sehr oft geht es schief. Die Phantome verirren sich, sind zu unbeständig, deine Wörter klingen falsch oder matt, die Stadt ist nicht mehr als ein Name, und wenn dich jemand fragt, inwieweit sie sich, zum Beispiel, von Rom unterscheidet, hast du keine Antwort und findest sie vor allem nicht in den mehr oder weniger blutarmen Sätzen, die du geschrieben hast.

 

Ieva Mazeikaite, Übersetzerin für Alma Littera, Litauen:
Viele Hauptfiguren Ihrer Romane verlassen ihre Heimatstadt, sobald sie erwachsen sind. Welchen Einfluss hat diese Abwendung von Neapel auf die Entwicklung der Figuren?

Elena Ferrante: Fortgehen ist wichtig, aber nicht allesentscheidend. Lenù geht fort, Lila hat Neapel nie verlassen, aber beide entwickeln sich weiter, haben ein ereignisreiches Leben. Elenas Entscheidungen sind mir, wie ich schon sagte, näher. Veränderungen muss man nicht fürchten. Was anders ist, darf uns nicht erschrecken. Aber zu bleiben, halte ich nicht für falsch. Wichtig ist, dass uns die immerwährende Beschränkung auf nur einen Ort nicht ärmer macht. Mir gefallen Menschen, die auch dann gefährliche Abenteuer erleben können, wenn sie nur von einem Ende der Straße, in der sie geboren sind, zum anderen gehen. So habe ich mir Lila vorgestellt.

 

Fleur Sinclair, Buchhändlerin, Seven Oaks Bookshop, Sevenoaks, UK:
Angesichts der vielen Ereignisse in einem Roman, an dessen Anfang ein Satz steht, der in einer besonders sensiblen Phase in Giovannas früher Jugend gesagt wird und nie mehr zurückgenommen werden kann, möchte ich gern wissen, ob es etwas gibt, das den Wunsch in Ihnen weckt, noch einmal zurückzugehen und mit Ihrem jugendlichen Ich zu sprechen (oder vielleicht etwas, von dem Sie sich wünschen, dass Ihr jugendliches Ich es belauscht hat). Etwas, das ihr Leben hätte anders verlaufen lassen, als es bisher verlaufen ist, etwas, das Ihnen das Selbstvertrauen und den Anstoß gegeben hätte, Dinge, die Sie getan haben, schon früher zu tun, oder Schritte zu vermeiden, die Sie heute bedauern.

Elena Ferrante: In unserem alltäglichen Leben ist vorbei, was vorbei ist. Erst recht die Zeit der Pubertät. Für mich war sie eine starre, trostlose Zeit. Seit ich erwachsen bin, hüte ich mich davor, zu einem vielleicht sogar glücklich wirkenden, heranwachsenden Mädchen zu sagen: Hast du es gut. Ich denke, je eher diese Phase vorüber ist, umso besser. Doch darüber zu schreiben, ist spannend. Ich vermute, ein Stückchen frühe Jugend scheint in allen Büchern auf, egal, wovon sie handeln, gerade weil sie eine Zeit voller Donnerschläge, Blitze, Stürme und Schiffbrüche ist. Du bist noch fast ein kleines Mädchen, bist schon fast eine erwachsene Frau, und dein Körper entschließt sich eine Ewigkeit nicht dazu, die eine Form abzulegen, um eine andere anzunehmen. Auch deine Sprache scheint nicht die richtigen Module für dich zu haben, entweder du benimmst dich kindisch, oder du redest wie eine sehr erwachsene Frau, und in beiden Fällen schämst du dich. In der Realität verändert sich die Vergangenheit nicht. Doch wenn man schreibt, ist die frühe Jugendzeit unendlich schillernd. Jedes Bruchstück kann seinen Platz finden und in der Erzählung plötzlich die Würde einer Bedeutung verdienen. Wenn du schreibst, beginnt diese starre, schlaffe Zeit, vom Rand des Erwachsenenlebens aus betrachtet, zu fließen, sie entsteht und verändert sich, findet ihren Sinn.

 

Fe Fernández Villaret, Buchhändlerin, L’Espolsada Llibres, Corró d’Avall, Barcelona, Katalonien:
Zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass ich die vier Bände von Meine geniale Freundin mit größtem Vergnügen gelesen habe. Als Buchhändlerin habe ich sie allen Menschen empfohlen, trotzdem wurden sie vor allem von Frauen gelesen, weil sie von Anfang an als »Frauenliteratur« eingestuft worden sind. Der Blick in Ihren Büchern ist ein weiblicher, doch das heißt nicht, dass sie ausschließlich für Frauen bestimmt sind, im Gegenteil. Was denken Sie, warum interessieren sich Männer nicht für Bücher, die aus weiblicher Sicht auf die Welt schauen? Jahrelang wurden uns das Leben, die Geschichte und alles, was geschah, von Männern erzählt. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie dazu beigetragen haben, das weibliche Universum reicher und vielfältiger zu machen.

Elena Ferrante: Was soll ich sagen? Männer, selbst die gebildetsten, versuchen häufig nicht einmal, unsere Bücher zu lesen. Sie betrachten sie, wie Sie schon festgestellt haben, als »Frauenliteratur«, und mit dieser Formulierung bewahren sie wohl nicht nur ihre Männlichkeit vor jeder eventuellen Degradierung, sondern sprechen uns vor allem die Gabe der Universalität ab, die sie nur sich selbst zugestehen. Sie schreiben Bücher für Männer und Frauen, wir dagegen können nur für Frauen schreiben. Dies ist eines von vielen Zeichen dafür, dass sie uns noch immer als Menschen zweiter Klasse betrachten. Und wir selbst scheinen sie manchmal darin zu bestärken, es fehlt nicht viel, und wir Frauen rufen wieder wie Euripides‘ Iphigenie: »Mehr denn tausend Frauenleben wiegt das Leben eines Manns.« Wir wurden in der Vorstellung erzogen, eine Person männlichen Geschlechts habe unter ihren vielen wunderbaren Vorzügen auch den, die ganze Welt auf sich zu vereinigen. Wenn ein Mann ein großes, kleines oder winziges Werk schafft, wendet er sich selbstverständlich an die Menschheit, an die Vertreter von Mars und Venus, er fühlt sich dem Möglichen und dem Unmöglichen gewachsen. Wir, so sagten sie uns, seien für so etwas nicht geschaffen. Ihre Intelligenz, ihr Talent sind Vorzüge. Unsere Intelligenz, unser Talent sind Nachteile. Nur ein Beispiel: Der außergewöhnliche Baudelaire, dem wir alle, Männer wie Frauen, viel zu verdanken haben, schrieb, die weibliche Schönheit sei von größerer Dauer, wenn sie nicht mit Klugheit gepaart sei, und er erklärte in seiner provokanten Art, die Liebe zu klugen Frauen sei das Vergnügen von Päderasten. Die Dinge ändern sich, natürlich, ändern sich fortwährend, aber, besonders in der Tiefe, viel zu langsam. Noch heute sorge ich für Unbehagen und wirke ein wenig ungehobelt, wenn ich sage, dass die große, sehr große Literatur nicht universell ist, sondern nur eine große, sehr große männliche Literatur. Aber so ist es.


Der Blick vom wohlhabenden Stadtteil Vomero auf den Golf von Neapel. Foto: Eduardo Castaldo

Tim van den Hoed, Buchhändler, De Utrechtse Boekenbar, Utrecht, Niederlande:
Die Faszination, die Neapel auf mich ausübt, hat mich zweimal in diese Stadt geführt. Die vier Bände von Meine geniale Freundin und meine persönlichen Erlebnisse in der Stadt stehen nebeneinander, und manchmal vermischen sie sich, genauso wie die vielen Figuren in Ihren Romanen. Inwieweit war der Einsatz verschiedener Figuren für der Porträtierung Neapels von Bedeutung? Und gibt es eine Nebenfigur, der Sie sich besonders verbunden fühlen?

Elena Ferrante: Sie weisen zu Recht darauf hin, dass unser Blick zwar unser eigener ist, sich in ihm aber gleichzeitig andere Sichtweisen mischen, die aus Romanen und vielen anderen Gestaltungsformen stammen. Es geschieht jedem und natürlich auch dem, der schreibt, dass er der Öffentlichkeit seine eigene, absolut einzigartige Sicht präsentiert, die dennoch alles andere als einmalig ist. Hier spielen auch Urväter und Urmütter hinein, Geographie, Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, die Bücher, die man gelesen hat, die mündlichen und schriftlichen Erzähltechniken, die man erlernt hat, unzählige Gemeinplätze und vor allem der stetige Widerstreit mit anderen, die Art und Weise, wie man sich ihre Gefühle und Gedanken hergeleitet und sie sich vorgestellt hat, das, was unsagbar ist, was man aber, wenn man beschlossen hat, etwas zu erzählen, trotzdem in Worte fassen muss. Bei der Schilderung von Neapel – aber auch bei der Schilderung wesentlich einfacherer Sujets als Neapel – geraten alle diese Dinge in Bewegung, und wer schreibt, ist sich dessen noch nicht einmal bewusst. Es ist ein ständiges Durchkneten, Kontaminieren und auch Verderben, das eine unechte Welt produziert, die allerdings am Ende, wenn es gelingt, mehr Wahrheit in sich birgt als die Wirklichkeit: die Wahrheit, die wir direkt vor Augen haben und doch nie gesehen haben. Aber wer schreibt, weiß nie wirklich, ob er dieses Resultat wahrhaftig erreicht hat. Auch der Erfolg garantiert ihm das nicht, im Gegenteil, sobald ein Buch fertig ist, wird sein Autor unwichtiger als seine Nebenfiguren. Ich als die Autorin fühle mich, offen gesagt, wie die Mutter der Solara-Brüder. Mit ihrem roten Buch der Wucherin hat sie den ganzen Rione in der Hand, und doch ist sie eine kleine, denkbar unbedeutende Signora. Sie tritt nur für ein paar Zeilen auf, als sie sich, unter der Hitze leidend, Luft zufächelt.

 

Ivana Dobrakovová, Übersetzerin für Inaque, Slowakei:
Bisher haben Sie stets aus der Sicht einer Erwachsenen erzählt (Leda, Olga, Delia) oder zugelassen, dass die Protagonistin heranwächst (Elena), um dann in der Zeit der Erzählung zurückzugehen. Warum haben Sie es bei Giovanna anders gemacht?

Elena Ferrante: Ich glaube nicht, dass ich es ganz anders gemacht habe. Aber etwas hat sich tatsächlich geändert. Ich habe die Identität der Person, die Giovannas Ich eine literarische Form gibt, unbestimmt gelassen. Bitte lesen Sie, liebe Ivana, den kurzen Prolog noch einmal, in dem es um das »Knäuel« geht, »von dem niemand weiß, nicht einmal, wer dies hier gerade schreibt, ob es den passenden Faden einer Erzählung enthält oder nur ein verworrener Schmerz ohne Erlösung ist«. Und behalten Sie dabei dieses »Wer« im Auge. Diese Stelle ist mir sehr wichtig. Meine Erzählerinnen wurden immer so konzipiert, dass sie weit entfernt von den erzählten Ereignissen sind. Wenn sie sich ans Schreiben machen, empfinden sie sich bereits als etwas ganz anderes als das, was sie in der Erzählung sind, und müssen sich dem, was sie waren, möglichst stark annähern, um irgendwie von sich erzählen zu können. Auch im Fall von Giovanna ist die erzählende Person zeitlich weit entfernt von den erzählten Ereignissen und hat ihre Schwierigkeiten mit dem Erzählen. Doch das, sagen wir, Neue in Bezug auf meine Geschichten ist, dass dieses »Wer« nicht zwangsläufig Giovanna ist.

SCHLAGWÖRTER: Aktuell, Im Gespräch
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