»Was für ein Buch, was für ein Stoff!« – Interview mit Karin Krieger

Die Übersetzerin Karin Krieger hat die über zweieinhalbtausend Seiten der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante ins Deutsche übertragen. Im Interview mit dem Honorarkonsulat Neapel erzählt sie von der Schönheit der italienischen Sprache, den Herausforderungen ihres Berufs und von ihrer Faszination für Ferrantes Tetralogie.

 

Wie haben Sie als deutsche Muttersprachlerin Ihre Leidenschaft für die italienische Sprache entdeckt?

Während meines Studiums hat mich vor allem die italienische Kunst begeistert. Und so auch die italienische Literatur – Dante, Petrarca, Machiavelli, Michelangelo, Leopardi bis hin zu Svevo, Moravia und Claudio Magris, um nur einige zu nennen. Dazu die großartige Filmkunst von Visconti, De Sica, Fellini, Leone, Bertolucci, die Kompositionen von Ennio Morricone und Nino Rota … Ich könnte stundenlang weiterschwärmen.
Und wie soll man den Klang der italienischen Sprache nicht lieben, wenn man, wie ich, aus einem Land kommt, in dem es vor traurigen Konsonanten nur so wimmelt?

 

Wie war es für Sie, sich mit Ferrantes Sprache auseinanderzusetzen? Mit welchen Herausforderungen mussten Sie umgehen?

Elena Ferrante muss man langsam lesen, damit einem nichts von der Vielschichtigkeit ihres Stils entgeht. Ihre Sprache ist sehr durchdacht, oft zurückgenommen, fast nüchtern. Das muss ich beim Übersetzen möglichst wahrhaftig nachbilden. Es gibt aber auch sehr leidenschaftliche Szenen, vor allem in Dialogen, die mir mehr Temperament beim Übersetzen erlauben. Ganz allgemein ist es auf dem langen Weg aus dem Italienischen  schwierig, die beabsichtigte Unkonkretheit und Vieldeutigkeit mancher Wendungen und Wörter wiederzugeben, weil das Deutsche manchmal viel mehr Präzision verlangt. Am sorgfältigsten feile ich an Ferrantes wunderbar lakonischen Bemerkungen, deren effektvolle Kürze ich unbedingt erhalten will. Gerade scheinbar unkomplizierte Sätze sind nicht immer leicht zu übersetzen.

 

Was haben Sie empfunden, während Sie das Buch gelesen haben?

Immer wieder dachte ich beim Lesen: Was für ein Buch, was für ein Stoff! Ich staunte nicht schlecht über den Mut der Autorin: Eine Ich-Erzählerin zu erfinden, die nicht über den Dingen steht, die uns mal mit ihrer braven Langweiligkeit und mal mit einem wirklich miesen Verrat ärgert – Respekt!

 

Neapel spielt eine Hauptrolle in der Saga, zumindest ebenso wie die Freundschaft zwischen Lila und Lenù. Was hat Sie an deren Beschreibungen fasziniert?

Neapel fasziniert mich mit seinen vielgestaltigen Gegensätzen, die für jeden Besucher der Stadt sofort sichtbar werden. Zutiefst beeindruckt haben mich das unterschwellige Gefühl der Unsicherheit zwischen den stetig brodelnden Vulkanen und so auch die Beschreibung des Erdbebens im 4. Band der Tetralogie.
Da ich selbst einmal ein heftiges Erdbeben erlebt habe, war es für mich besonders schwer, diese von Ferrante unglaublich realistisch und somit erschütternd geschilderte Szene zu übersetzen. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn in diesem Moment mein Schreibtisch zu wackeln begonnen hätte. Wie Ferrante die Einzelschicksale der beiden Protagonistinnen in die Schilderung dieses Naturereignisses einbettet, ist große Kunst.

 

Lila oder Lenù? Welche der beiden »genialen Freundinnen« hat Sie mehr überzeugt?

Alle beide! Eine Trennung zwischen diesen zwei Figuren ist für mich unmöglich. Können wir uns nicht sowohl mit der Schüchternheit und den Selbstzweifeln Lenùs als auch mit Lilas stolzer Unangepasstheit identifizieren? Mit dem Streben nach Sichtbarkeit ebenso wie mit dem Streben nach Unsichtbarkeit? Elena Ferrantes großes Verdienst ist es, uns in aller Gelassenheit zu zeigen, dass kein Mensch nur positive oder nur negative Seiten hat und dass Freundschaften auch heftigen Schwankungen unterworfen sind. Sie zeigt uns, wie Menschen sich durchs Leben schlagen und dabei alles andere als perfekt sind. Das verleiht den Romanen ihre ungewöhnliche Authentizität.

 

In einem Interview mit The Guardian hat Elena Ferrante bezüglich ihres Hasses gegen den Nationalismus erklärt: »Ich ziehe die sprachliche Nationalität als Ausgangspunkt für den Dialog vor, eine Anstrengung, um die Grenzen zu überschreiten, um über die Grenzen hinauszublicken. Deswegen sind die Übersetzer meine einzige Helden. Dank ihnen reist die Italienität bereichernd durch die Welt und die Welt, mit ihren zahlreichen Sprachen, geht durch die Italienität und verändert sie. Eine wichtige Anerkennung für einen Beruf, der zu oft misshandelt und schlecht bezahlt wird.« Möchten Sie dazu noch etwas sagen?

Ich bin Elena Ferrante dankbar für ihre Sensibilität hinsichtlich der Arbeit meines Berufsstandes und kann ihre Worte nur bekräftigen. Ich bin Übersetzerin geworden, um dazu beizutragen, dass weit voneinander entfernte Menschen sich verstehen können. Früher verwendete man bei uns das Wort ›Völkerverständigung‹. Eigentlich schade, dass es aus der Mode gekommen ist. Wir Literaturübersetzer haben immer dann am besten gearbeitet, wenn die Leser unser Tun gar nicht bemerken. Doch sollte man nicht vergessen, wieviel Wissen, Phantasie, Einfühlungsvermögen, Sorgfalt und Mut es erfordert, einen Text unbeschadet von einer Sprache in eine andere zu bringen. Wir haben einen wunderbaren Beruf. Ich bin Übersetzerin geworden, um dazu beizutragen, dass weit voneinander entfernte Menschen sich verstehen können. Es ist doch ein kulturelles Armutszeugnis, dass viele gute Literaturübersetzer im reichen Europa kaum von ihrer Arbeit leben können.

 

Die weiblichen Figuren Ferrantes sind für viele ein Meisterwerk psychologischer Feinheit, tatendurstig und unberechenbar. Viel weniger wurde über die männlichen Figuren gesagt. Wirkt vielleicht ihre Glanzlosigkeit und nachgiebiger und inkonsistenter Willen als Gegensatz zu einer so dynamischen und facettenreichen weiblichen Welt?

Ferrantes weibliche Charaktere sind in ihrer Komplexität tatsächlich faszinierend, und gleich zwei von ihnen stehen mit ihrer Beziehung zueinander uneingeschränkt im Mittelpunkt. Damit wird ein großes Versäumnis der Literaturgeschichte nachgeholt. Auch die Männer der Tetralogie sind meines Erachtens hochinteressante, wenn auch blassere Figuren. Ferrantes Sicht auf das Verhältnis von Männern und Frauen ist sehr differenziert. Bei ihr gibt es nicht ›die guten Frauen‹ und ›die bösen Männer‹. Und eine so still strahlende Gestalt wie z.B. Enzo erfüllt uns doch alle mit Hoffnung.

 

In Die Geschichte des verlorenes Kindes liest man: »Und was ist das Meer von oben? Ein bisschen Farbe. Es ist besser, wenn man näher kommt, so bemerkt man, dass es aus Müll, Dreck, Pisse, verpestetem Wasser besteht. Aber ihr, die ihr Bücher lest und schreibt, liebt es euch die Lügen zu erzählen, nicht die Wahrheit.« Die Tetralogie von Ferrante ist mit solchen groben entweihenden und manchmal gewaltsamen Ausdrücken erfüllt. Sind Sie mit der Meinung der Autorin einverstanden? Finden Sie also auch, dass die Schönheit nichts anderes ist als ein Trick, ein bisschen Puder hier und da auftragen, um den Zerfall zu verstecken? Und was ist ihre Vorstellung von Literatur? Nur Fiktion, wie die Ferrante Lila sagen lässt?

Lila und ihre desillusionierte Sicht auf die Dinge ist die eine Seite der Medaille, und ja, sie ist berechtigt. Denn was nützt es, das Elend der Welt unter einer womöglich dicken Puderschicht zu ignorieren? Doch es gibt zum Glück auch immer die andere Seite, die hier teilweise von Lenù verkörpert wird. Die traurige Realität prallt auf tatsächliche Anmut und Harmonie und auf den Traum von einer besseren, kultivierteren Welt, die es ja auch gibt. Und hier kommt die Literatur ins Spiel. Für mich ist gute Literatur ein facettenreiches Abbild der realen Welt mit den unterschiedlichsten Mitteln. Dabei schließen sich Fiktion und wahres Leben keineswegs aus. Im Gegenteil, eine erfundene Geschichte, die auf Klischees verzichtet, kann mehr Wahrheit über das menschliche Leben in sich bergen als ein Zeitungsbericht.

 

Ohne den zukünftigen Lesern das Finale der Tetralogie zu enthüllen – hat es Ihnen gefallen?

Ja, es hat mir sehr gefallen. Es ist absolut glaubhaft. Und es lässt mir die Freiheit für eigene Gedanken. Das wahre Leben besteht nicht aus Glitzer und rosa Rüschen. Wenn es uns gelingt, dies anzuerkennen, anstatt verlogenen Kitschvorstellungen nachzujagen, finden wir die Kraft, das Beste daraus zu machen.

 

SCHLAGWÖRTER: Im Gespräch
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